In Österreich wird der Begriff „Antifa“ seit Jahren systematisch mit dem Etikett des Kriminellen versehen – ein Vorgang, der sich auch in anderen europäischen Ländern beobachten lässt. Diese Wahrnehmung ist das Ergebnis einer gezielten rhetorischen Strategie, bei der lose organisierte antifaschistische Gruppen oder Einzelpersonen in einen homogenen, bedrohlichen Block hineindefiniert werden. Das dient vor allem dazu, legitimen Protest gegen Rechtsextremismus zu delegitimieren und in der öffentlichen Debatte zu diskreditieren. Parallel dazu werden rechtsextreme Strukturen – ob es sich um militante Neonazi-Zellen, „Neue Rechte“-Netzwerke, gewaltbereite Hooligan-Gruppen oder Online-Propagandakanäle handelt – häufig als isolierte Vorkommnisse dargestellt. Die offizielle Kriminalstatistik zeichnet jedoch ein anderes Bild: 2024 erfasste die Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) 1.486 rechtsextreme Tathandlungen in Österreich, darunter 1.450 Verstöße gegen das Verbotsgesetz, während im selben Zeitraum 214 linksextreme Tathandlungen registriert wurden, der Großteil davon Sachbeschädigungen. Die strukturelle Schieflage in der Darstellung lässt sich auf drei ineinandergreifende Faktoren zurückführen: politisches Framing, das die Gefahr asymmetrisch darstellt; mediale Selektionsmechanismen, die sichtbare, konfliktgeladene Bilder bevorzugen; und psychologische Verzerrungen, die bekannte Feindbilder – ob gerechtfertigt oder nicht – stabilisieren. Das Ergebnis ist eine Debatte, die nicht die tatsächliche Bedrohungslage abbildet, sondern deren Wahrnehmung verzerrt – mit erheblichen Folgen für die demokratische Resilienz.
1) Begriffsklärung: Wovon reden wir überhaupt?
„Antifa“ ist keine Organisation.
Der Begriff „Antifa“ beschreibt im wissenschaftlichen und behördlichen Sprachgebrauch kein fest umrissenes Gebilde mit Mitgliedslisten, hierarchischer Struktur oder zentralem Führungsgremium. Vielmehr handelt es sich um eine Sammelbezeichnung für eine Vielzahl lokaler, oft lose vernetzter Gruppen und Einzelpersonen, die sich einer antifaschistischen Grundhaltung verpflichtet sehen. Diese Akteure agieren in unterschiedlichen Kontexten – von Bildungsarbeit über Protestaktionen bis hin zu direkten Interventionen gegen rechtsextreme Aufmärsche. Das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz stellt ausdrücklich fest, dass es „die Antifa“ als bundesweit agierende, klar abgrenzbare Organisation nicht gibt.
In der sicherheitsbehördlichen Erfassung wird deshalb nicht der Begriff „Antifa“ verwendet, sondern die Kategorie „Linksextremismus“. Diese ist rechtlich und operativ definiert und dient der statistischen Erhebung von Straftaten, die aus einer linksextremen Motivation heraus begangen werden. In Österreich führt die Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) hierzu eine eigene Rubrik, die unabhängig vom Begriff „Antifa“ operiert. Das bedeutet: Straftaten werden auf Grundlage ihrer politischen Motivation und nicht aufgrund einer pauschalen Gruppenzuschreibung erfasst.
Ein besonders verbreiteter, jedoch rechtlich falscher Mythos betrifft die USA. Dort wurde wiederholt von politischen Akteuren – vor allem aus dem rechten Spektrum – behauptet, „Antifa“ sei als Terrororganisation eingestuft. Tatsächlich kennt das US-amerikanische Recht keine offizielle Liste inländischer Terrororganisationen, und selbst der Präsident hat keine gesetzliche Befugnis, eine rein nationale Gruppierung in einen solchen Status zu versetzen. Entsprechend ist „Antifa“ in den Vereinigten Staaten nie als Terrororganisation designiert worden. Solche Behauptungen sind daher nicht Ausdruck juristischer Realität, sondern Bestandteil einer politischen Kommunikationsstrategie, die darauf abzielt, antifaschistisches Engagement mit dem Stigma organisierter Kriminalität oder Terrorismus zu belegen.
2) Was ist mit „Rechtsextremismus“ gemeint?
Der österreichische Verfassungsschutzbericht definiert den Phänomenbereich Rechtsextremismus nicht eindimensional, sondern als ein Spektrum ideologischer Strömungen und organisatorischer Strukturen. Dazu zählt der Bereich Neonazismus bzw. die sogenannte „Alte Rechte“, die sich explizit auf die Ideologie und Symbolik des Nationalsozialismus beruft und häufig durch Verstöße gegen das Verbotsgesetz auffällt. Parallel dazu steht die „Neue Rechte“, die nicht zwingend mit NS-Symbolen operiert, jedoch eine ethnonationalistische, autoritäre und demokratiefeindliche Ideologie vertritt, oft in intellektuell aufgeladener Form und mit gezielter Einflussnahme auf öffentliche Diskurse.
Ein weiterer relevanter Teilbereich sind rechtsextreme Hooligan- und Kampfsportnetzwerke. Diese Strukturen dienen nicht nur als physische Trainingsumfelder, sondern fungieren auch als Rekrutierungs- und Radikalisierungsräume. Gruppen wie die sogenannten „Active Clubs“ kombinieren sportliche Betätigung mit ideologischer Schulung, stärken gruppeninterne Loyalität und schaffen physische Einschüchterungspotenziale. Diese Netzwerke sind in der Lage, Gewaltbereitschaft gezielt zu mobilisieren und verfügen zunehmend über Anbindungen an internationale Szenen – insbesondere in Europa, Nordamerika und Russland.
Der Bericht betont, dass Rechtsextremismus heute nicht mehr primär in klar abgeschotteten, lokal begrenzten Milieus existiert. Digitale Plattformen ermöglichen eine kontinuierliche und ortsunabhängige Vernetzung, was den Austausch von Propagandamaterial, die Koordination von Aktionen und die strategische Planung erheblich erleichtert. Die Palette der einschlägigen Straftaten reicht dabei von Verstößen gegen das Verbotsgesetz und Verhetzung über gefährliche Drohungen bis hin zu Gewalt- und Waffendelikten. Diese Vielfalt zeigt, dass es sich nicht um spontane, unkoordinierte Ausbrüche handelt, sondern um ein vielschichtiges Geflecht aus Ideologie, Infrastruktur und internationaler Vernetzung, das von Sicherheitsbehörden als ernsthafte Bedrohung für die demokratische Grundordnung eingestuft wird.
3) Die Datenlage in Österreich (2024): Deutlicher Schwerpunkt rechts
Im Jahr 2024 wurden in Österreich im Bereich Rechtsextremismus – einschließlich fremdenfeindlicher, rassistischer, antisemitischer und islamfeindlicher Straftaten – 1.486 Tathandlungen registriert. Das entspricht einem Anstieg von 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Insgesamt führten diese Fälle zu 2.346 angezeigten Delikten, was einem Plus von 20,1 Prozent entspricht. Die Sicherheitsbehörden reagierten mit 260 Hausdurchsuchungen und 53 Festnahmen, was die Einschätzung unterstreicht, dass es sich hierbei um ein sicherheitsrelevantes Problem mit hohem Organisations- und Gefährdungspotenzial handelt.
Auffällig ist der starke Zuwachs bei den Verstößen gegen das Verbotsgesetz – von 1.203 Fällen im Jahr 2023 auf 1.450 im Jahr 2024. Diese Delikte betreffen vor allem die Wiederbetätigung im nationalsozialistischen Sinn, wie etwa das Verwenden von NS-Symbolen, das Leugnen oder Verharmlosen des Holocaust sowie die Verbreitung einschlägiger Propaganda. Auch bei Sachbeschädigungen gab es eine deutliche Zunahme – von 294 auf Werte zwischen 358 und 386 (je nach zugrunde liegendem Paragraphen), häufig verbunden mit dem Anbringen von rechtsextremen Parolen oder Symbolen an Gebäuden und öffentlichen Einrichtungen.
Darüber hinaus wurden vermehrt gefährliche Drohungen registriert, oftmals gegen politische Gegner, Journalisten oder Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen. Verstöße gegen das Waffengesetz belegen, dass ein Teil der Szene aktiv versucht, Zugang zu Schusswaffen oder anderen verbotenen Waffen zu erlangen oder diese zu besitzen. Auch das Versammlungsgesetz wurde mehrfach verletzt, etwa durch nicht angemeldete oder verbotene Demonstrationen mit klar rechtsextremen Inhalten.
Die Kombination aus hohem Fallaufkommen, gestiegener Gewaltbereitschaft und der Vielfalt der begangenen Delikte macht deutlich, dass Rechtsextremismus in Österreich nicht als Randphänomen, sondern als strukturell verankerte und zunehmend vernetzte Gefahr für Demokratie und öffentliche Sicherheit zu betrachten ist.
Linksextremismus:
Im Jahr 2024 verzeichnete die Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) im Bereich Linksextremismus 214 Tathandlungen, was einem deutlichen Anstieg von 120 Prozent gegenüber den 97 Fällen im Jahr 2023 entspricht. Die Zahl der angezeigten Delikte lag bei 297, ein Plus von 23,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Operativ reagierten die Behörden mit 6 Festnahmen und einer einzigen Hausdurchsuchung, was bereits auf eine geringere Eingriffstiefe und ein insgesamt weniger gewaltorientiertes Deliktprofil schließen lässt.
Die Auswertung zeigt, dass der weitaus größte Teil der linksextrem motivierten Straftaten Sachbeschädigungen betrifft – hier stieg die Zahl von 81 Fällen im Jahr 2023 auf 220 im Jahr 2024. Diese Delikte umfassen vor allem das Besprühen von Fassaden, das Anbringen von Parolen oder politischen Symbolen sowie die Beschädigung von Fahrzeugen oder Einrichtungen im Kontext politischer Aktionen.
Schwerere Gewaltdelikte sind deutlich seltener: Die Zahl der Körperverletzungen erhöhte sich von 1 auf 3 Fälle, Verstöße gegen § 269 StGB (Widerstand gegen die Staatsgewalt) von 3 auf 8 Fälle. Internetdelikte spielen im linksextremen Spektrum faktisch keine Rolle – für 2024 ist lediglich eine einzige entsprechende Tathandlung dokumentiert.
Das Profil dieser Kriminalität unterscheidet sich damit grundlegend vom rechtsextremen Bereich: Während dort verbotene NS-Betätigung, Waffenbesitz, Drohungen und organisierte Gewalt eine zentrale Rolle spielen, ist Linksextremismus in Österreich nach aktueller Statistik überwiegend durch Sachbeschädigung geprägt, mit vergleichsweise geringer direkter Gefährdung für Personen. Die Daten legen nahe, dass trotz prozentual hoher Zuwachsraten das absolute Bedrohungspotenzial im Vergleich zu rechtsextremen Strukturen deutlich niedriger liegt.
Die prozentualen Zuwächse im linksextremen Bereich dürfen nicht isoliert betrachtet werden, da sie aus einer deutlich kleineren Ausgangsbasis resultieren. Trotz des Anstiegs um 120 Prozent auf 214 Tathandlungen im Jahr 2024 liegt das absolute Niveau weiterhin weit unter jenem des Rechtsextremismus, der mit 1.486 Fällen in derselben Zeitspanne nahezu siebenmal so hoch ausfällt. Noch gravierender ist der qualitative Unterschied im Deliktprofil: Während der linksextreme Bereich stark von Sachbeschädigungen dominiert wird, umfassen rechtsextreme Straftaten in großem Umfang Verstöße gegen das Verbotsgesetz, Gewalt- und Waffendelikte sowie gezielte Drohungen.
Die DSN-Daten bieten hier eine verlässliche und methodisch konsistente Bezugsgröße, da sie auf einheitlichen Definitionskriterien beruhen und sowohl Häufigkeit als auch Art der Delikte abbilden. Eine seriöse Bewertung der Bedrohungslage muss daher auf der Gesamtschau beruhen und darf nicht einzelne Prozentwerte herausgreifen, um politische Narrative zu bedienen.
In den gesellschaftlichen Kontext eingeordnet, verdeutlichen die Zahlen der Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) eine weitere relevante Dimension: Mit 1.520 antisemitischen Vorfällen im Jahr 2024 wurde ein neuer historischer Höchststand erreicht, ein Anstieg von 32,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein signifikanter Anteil dieser Vorfälle ereignet sich im digitalen Raum – auf Social-Media-Plattformen, in Messenger-Gruppen und Online-Foren. Die Online-Verbreitung antisemitischer Inhalte wirkt dabei wie ein Verstärker, da sie Hemmschwellen abbaut, Reichweite massiv erhöht und reale Gewaltbereitschaft begünstigen kann. Dieses Zusammenspiel aus physischer und digitaler Bedrohung unterstreicht, dass Extremismus – insbesondere im rechtsextremen Spektrum – längst nicht nur ein Phänomen der Straße, sondern auch des Netzes ist.
4) Der Blick über die Grenze: Deutschland belegt das Muster ebenfalls
Auch ein Blick auf die deutsche Statistik zur politisch motivierten Kriminalität (PMK) für das Jahr 2024 bestätigt die in Österreich beobachtete Asymmetrie. Laut den Daten des Bundeskriminalamts liegen rechtsmotivierte Straftaten in absoluten Zahlen deutlich über den linksmotivierten. Diese Dominanz zeigt sich nicht nur bei Gewaltdelikten, sondern auch bei Propagandadelikten, Bedrohungen und Angriffen auf Minderheiten.
Besonders auffällig ist der digitale Bereich: Straftaten, die im oder mittels Internet begangen wurden, haben in allen Phänomenbereichen zugenommen, im rechtsextremen Segment jedoch besonders stark. Bei PMK rechts stieg die Zahl dieser Online-Delikte von 10.732 Fällen um 52,8 Prozent an. Damit entfällt ein erheblicher Teil der rechten Straftaten mittlerweile auf den digitalen Raum. Diese Entwicklung verdeutlicht zweierlei: Zum einen nutzen rechtsextreme Akteure die Reichweite und Anonymität digitaler Plattformen gezielt für Propaganda, Hetze und Mobilisierung. Zum anderen erhöht sich durch die dauerhafte Online-Verfügbarkeit extremistischer Inhalte das Potenzial für Radikalisierung, da ideologische Botschaften jederzeit und weltweit abrufbar bleiben.
Das deutsche Beispiel zeigt damit nicht nur, dass Rechtsextremismus zahlenmäßig und strukturell den Linksextremismus übertrifft, sondern auch, dass der digitale Raum längst zu einem zentralen Handlungsfeld geworden ist. Die Kombination aus hoher Reichweite, gezielter Ansprache und niedrigen Eintrittsbarrieren macht das Internet zu einem entscheidenden Faktor in der Verbreitung rechtsextremer Ideologie – und verstärkt die ohnehin bestehenden Unterschiede in Präsenz und Wirkungskraft der beiden Extremismusformen.
5) Warum kippt trotzdem die Wahrnehmung? (Politische Rhetorik & Framing)
Hufeisen-Denken („Beide Seiten sind gleich schlimm“):
Das sogenannte Extremismus- bzw. Hufeisenmodell geht von der Annahme aus, dass sich politisch extreme Positionen am linken und rechten Rand inhaltlich annähern und gleichermaßen gefährlich für die demokratische Ordnung seien. In der bildlichen Darstellung biegen sich die Enden eines gedachten politischen Spektrums wie bei einem Hufeisen aufeinander zu. Diese Analogie wird seit Jahren von Politikwissenschaftlern, Historikern und pädagogischen Fachinstitutionen kritisiert, weil sie grundlegende Unterschiede zwischen linkem und rechtem Extremismus nivelliert.
Insbesondere werden dadurch die spezifischen Charakteristika des Rechtsextremismus – wie systematische Minderheitenfeindlichkeit, völkischer Nationalismus, die Anknüpfung an historische Terrortraditionen und die explizite Ablehnung universeller Menschenrechte – auf eine Stufe mit Phänomenen gestellt, die in der linken Szene in dieser Form nicht strukturell verankert sind. Linksextremismus kann zwar ebenfalls antidemokratische und gewaltbereite Ausprägungen annehmen, ist jedoch in seiner ideologischen Ausrichtung in der Regel nicht auf ethnische Homogenität oder die Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen angelegt.
Die Kritik aus der Fachwelt betont, dass das Hufeisenmodell nicht nur analytisch unpräzise ist, sondern in der politischen Bildung problematische Effekte hat: Es kann dazu beitragen, rechtsextreme Gewalt zu relativieren, indem sie als „Spiegelbild“ linker Gewalt präsentiert wird, anstatt ihre eigenständigen historischen und ideologischen Wurzeln herauszuarbeiten. Bildungseinrichtungen wie die Bundeszentrale für politische Bildung in Deutschland und zahlreiche wissenschaftliche Publikationen verweisen daher auf die Notwendigkeit differenzierter Modelle, die sowohl die quantitativen Unterschiede in der Bedrohungslage als auch die qualitativen Differenzen in Zielen, Methoden und gesellschaftlichen Auswirkungen erfassen.
Strategische Kommunikation der populistischen Rechten:
Die strategische Kommunikation der populistischen Rechten basiert wesentlich auf dem Konzept des sogenannten Issue Ownership – der Wahrnehmung, dass bestimmte Themenfelder untrennbar mit einer politischen Kraft verbunden sind und von ihr am „kompetentesten“ vertreten werden. Forschungsergebnisse aus der Politikwissenschaft belegen, dass im Kontext der populistischen radikalen Rechten insbesondere die Bereiche „Law & Order“ und Migration als solche Kernkompetenzfelder wahrgenommen werden.
Diese Wahrnehmung ist nicht zwingend an tatsächliche Problemlösungsfähigkeit oder konkrete Erfolge gebunden. Vielmehr reicht es aus, dass die Partei in der öffentlichen Debatte als Hauptakteur auf diesen Themenfeldern präsent ist. Hohe Medienpräsenz, gezielte Zuspitzungen und emotional aufgeladene Erzählungen stärken dieses Eigentumsrecht am Thema. Jede zusätzliche Berichterstattung über Kriminalität, innere Sicherheit oder Migration – unabhängig vom Anlass – wirkt für diese Parteien wie kostenlose politische Werbung.
Daraus ergibt sich ein handfestes Anreizsystem: Anstatt differenziert oder konstruktiv über Lösungen zu sprechen, ist es strategisch lohnender, eine kontinuierliche Skandalisierung zu betreiben, das Bedrohungsszenario maximal auszumalen und klare Feindbilder zu setzen. Die „Antifa“ fungiert in diesem Rahmen als idealer Gegner – leicht abgrenzbar, medial gut inszenierbar und politisch vielseitig instrumentalisierbar. Ihre Dämonisierung erfüllt mehrere Zwecke gleichzeitig: Sie verlagert den Diskurs weg von der inhaltlichen Auseinandersetzung mit rechtsextremen Strukturen, sie emotionalisiert das Publikum durch den Verweis auf eine angeblich organisierte, gewaltbereite Bedrohung, und sie stärkt den eigenen Status als „einzige Kraft“, die gegen diese Gefahr vorgeht.
In dieser Kommunikationslogik ist die „Antifa“ weniger ein reales politisches Gegenüber, sondern vielmehr ein rhetorisches Werkzeug – ein Projektionsschirm, auf den alle negativen Zuschreibungen geladen werden, um das eigene Kernthema „innere Sicherheit“ dauerhaft im medialen Umlauf zu halten.
Normalisierungseffekt:
Der Normalisierungseffekt beschreibt den Prozess, durch den extremistische oder vormals randständige Positionen durch ständige Wiederholung und mediale Präsenz schrittweise als Teil des akzeptierten Meinungsspektrums erscheinen. Sozialpsychologische und kommunikationswissenschaftliche Forschung zeigt, dass die Häufigkeit einer Botschaft – unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt – ihre Wahrnehmung als „normal“ oder „vertretbar“ steigert. Dieses Prinzip, bekannt als Illusory Truth Effect, wirkt besonders stark, wenn Botschaften von Akteuren mit politischem Mandat oder hoher medialer Sichtbarkeit verbreitet werden.
Rechtspopulistische Parteien nutzen diesen Mechanismus systematisch. Jeder Wahlerfolg, jede Talkshow-Teilnahme und jede Schlagzeile, in der ihre zentralen Narrative wiederholt werden, verschiebt das gesellschaftliche Koordinatensystem. Positionen, die vor wenigen Jahren noch klar als extrem galten – etwa pauschale Diskriminierung ganzer Bevölkerungsgruppen oder die Infragestellung demokratischer Institutionen – werden zunehmend als legitime „Alternativen“ im politischen Diskurs wahrgenommen.
Parallel dazu verändert sich die Bewertung ihrer Gegner.
Antifaschistisches Engagement, das in einer wehrhaften Demokratie als zivilgesellschaftliche Notwendigkeit gilt,
wird in dieser Logik systematisch umgedeutet. Durch gezieltes Framing entsteht das Bild einer „Gefahr von links“, die angeblich gleichwertig oder gar bedrohlicher sei als rechtsextreme Strukturen. Diese Umdeutung verschiebt nicht nur die Grenzen des Sagbaren, sondern schwächt auch die gesellschaftliche Unterstützung für Initiativen, die sich gegen Rassismus, Antisemitismus und autoritäre Tendenzen einsetzen.
Die Literatur von Cas Mudde und anderen zur Mainstreaming-Hypothese und zur Krisen- und Salienzforschung belegt, dass diese Prozesse in Krisenzeiten besonders wirksam sind: Wirtschaftliche Unsicherheit, Migrationsbewegungen oder gesellschaftliche Spannungen erhöhen die Bereitschaft, einfache, polarisierende Botschaften zu akzeptieren – und damit die Schwelle, extreme Positionen als Teil der politischen Normalität zu betrachten.
6) Medienmechanismen: Warum „linke Gewalt“ sichtbarer wirkt
Protest Paradigm:
Das sogenannte Protest Paradigm beschreibt ein wiederkehrendes Muster in der Berichterstattung über Protestbewegungen: Medien neigen dazu, den Fokus auf Elemente zu legen, die Konflikt, Spektakel und Konfrontation mit der Polizei betonen. In dieser Logik werden Bilder von gewaltsamen Auseinandersetzungen, brennenden Barrikaden oder beschädigten Gebäuden überproportional stark gezeigt, während die politischen Inhalte, Forderungen und Hintergründe der Proteste in den Hintergrund treten oder ganz fehlen.
Für das Publikum entsteht dadurch ein stark visuell geprägtes Narrativ: Protest = Gewalt. Dieses Bild ist besonders wirksam, weil es emotionale Reaktionen auslöst und sich leicht in Schlagzeilen, Social-Media-Posts und Fernsehberichten inszenieren lässt. Studien zur Nachrichtenwerttheorie zeigen, dass Ereignisse mit hohem Konflikt- und Negativitätsgrad eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, aufgegriffen zu werden, und zudem größere Reichweite erzielen.
Im Kontext „linker Gewalt“ führt dieses mediale Selektionsmuster zu einer systematischen Verzerrung: Einzelne Sachbeschädigungen oder Zusammenstöße bei Demonstrationen erhalten hohe Sichtbarkeit, oft mit dramatisierenden Bildern, während die weit größere Zahl rechtsextremer Straftaten – die häufig ohne spektakuläre Bildwirkung auskommen – weniger prominent erscheint. Dadurch entsteht in der öffentlichen Wahrnehmung ein Ungleichgewicht: Linke Gewalt wirkt omnipräsent, weil sie visuell leicht zu inszenieren ist, während rechte Gewalt oft unsichtbar bleibt, da sie sich in Form von Drohungen, Online-Hetze, gezielter Einschüchterung oder struktureller Diskriminierung vollzieht, für die es selten vergleichbar eingängige Bilder gibt.
Dieses Muster ist nicht zwingend Ausdruck politischer Parteilichkeit der Medien, sondern folgt der Logik von Nachrichtenproduktion und -konsum: Aufmerksamkeit ist die Währung, und Bilder von Eskalation verkaufen sich besser als differenzierte Analysen. Das Problem liegt darin, dass diese visuelle Überrepräsentation einzelner Vorfälle das Gesamtbild politischer Gewalt verzerrt und die tatsächlichen Bedrohungslagen nicht abbildet.
Der Negativity Bias beschreibt das in der Kognitions- und Kommunikationsforschung vielfach belegte Phänomen, das negative Inhalte – insbesondere solche mit Bedrohungs- oder Krisencharakter – stärker wahrgenommen, häufiger geteilt und länger erinnert werden als neutrale oder positive Informationen. In der politischen und wirtschaftlichen Berichterstattung führt dieser Mechanismus dazu, dass Schlagzeilen mit alarmierenden Begriffen („Krawall“, „Angriff“, „Chaos“) systematisch mehr Reichweite erzielen. Für Redaktionen, die im Wettbewerb um Aufmerksamkeit stehen, entsteht so ein struktureller Anreiz, Konflikte und Bedrohungen visuell und sprachlich zuzuspitzen, selbst wenn diese im Gesamtbild nur einen Teil der Realität darstellen.
Das Prinzip des Indexing verstärkt diesen Effekt. Darunter versteht man die Tendenz von Redaktionen, ihre Themenauswahl und Gewichtung an den Konfliktlinien und Prioritäten der politischen Elite auszurichten. Wird oppositionelle – in diesem Fall linke – Gewalt von Regierungsvertretern stark betont, während rechtsextreme Netzwerke heruntergespielt oder als Randphänomene beschrieben werden, spiegelt sich diese Gewichtung oft direkt in der Berichterstattung wider. Erst wenn etablierte politische Stimmen – etwa aus Regierung, Justiz oder großen Parteien – die Gefahr von rechts klar benennen, verschiebt sich der mediale Fokus merklich.
Das Ergebnis ist ein doppelter Filter: Zum einen werden Ereignisse mit negativem, visuell starkem Konfliktpotenzial – wie Bilder von brennenden Mülltonnen oder Zusammenstößen mit der Polizei – automatisch bevorzugt. Zum anderen werden diese Ereignisse dann noch entlang der Deutungsrahmen der politischen Elite einsortiert. Die über Jahre gewachsene, oft unsichtbare Vernetzung rechtsextremer Szenen – von internationalen Kontakten über digitale Rekrutierung bis zu paramilitärischen Trainings – ist dagegen weder fotogen noch leicht in einen kurzen Nachrichtenclip zu übersetzen. Sie erfordert investigative Arbeit, zeitaufwendige Recherche und komplexe Darstellung – alles Faktoren, die in einer auf schnelle Schlagzeilen optimierten Medienlogik häufig das Nachsehen haben.
7) Zahlen vs. Erzählung: Der blinde Fleck
Rechts: In Österreich 2024 1.486 Tathandlungen im rechtsextremistischen/rassistischen/antisemitischen Spektrum; hohe Anzeigen nach Verbotsgesetz, viele Hausdurchsuchungen, Festnahmen – Indikatoren für strukturierte Szenen mit Material/Waffen/Devotionalien. (dsn.gv.at)
Links: 2024 214 Tathandlungen, Schwerpunkt Sachbeschädigung, deutlich weniger Gewalt-/Waffenbezug, kaum Internetdelikte (1 Fall).
Wer den öffentlichen Eindruck rein aus Schlagzeilen gewinnt, landet schnell beim Umkehrbild. Die Kriminalitätsstruktur und Schweregrade sind jedoch verschieden – und die absolute Last rechter Taten bleibt höher.
8) Wem nützt die Schieflage?
Issue Ownership & Agenda-Setting: Jede Woche, in der „linke Gewalt“ die Startseite dominiert, stabilisiert Law‑&‑Order als Wahlmotiv – ein Terrain, auf dem rechte Parteien statistisch profitieren. Das ist in vielen Ländern empirisch beobachtet worden. (PMC)
Mobilisierung durch Bedrohung: Starke Bilder + einfache Gegnerfigur („Antifa“) senken kognitive Komplexität, erhöhen Affekt – und aktivieren (Spenden, Wahlbeteiligung, Social-Media-Engagement). Das folgt der Medienlogik und psychologischen Heuristiken (Negativity). (PMC)
9) Wege zu einer ehrlicheren Debatte (mit Antworten auf A & B)
Konkrete Schritte für Medien und Politik:
Begriffe präzisieren: „Antifa“ nicht wie eine Organisation behandeln. In Berichten sauber zwischen linksextrem (Behördenkategorie) und antifaschistisch (Haltung/Bewegung) unterscheiden. (Bundesamt für Verfassungsschutz)
Kontextpflicht: Bei rechten Delikten Netzwerk-, Ideologie- und Wiederholungsbezüge nennen (z. B. Verbotsgesetz-Serien, Hooligan-/Kampfsport, Online-Communities). DSN-Daten geben die Struktur her. (dsn.gv.at)
Gewichtungen offenlegen: Wenn linke Protestbilder die Startseite füllen, aber rechte Deliktzahlen höher sind: Erklären, warum die Gewichtung so ausfällt. Das ist Transparenz gegenüber dem Publikum (und schützt vor Instrumentalisierung). (Protest‑Paradigm/Negativity belegen die Tendenzen.) (Vrije Universiteit Amsterdam, PMC)
Vielfalt der Quellen: Weniger reine Polizeiberichte, mehr Zivilgesellschaft/Betroffenenstellen (IKG, ZARA). So wird die Perspektive von Opfern rechter Gewalt sichtbar(er). (antisemitismus-meldestelle.at, assets.zara.or.at)
Fakten-Checks zum Framing: Wenn „Antifa“ als „Terrororganisation“ behauptet wird, korrigieren – mit dem rechtlichen Befund (keine inländische Terror-Designationsliste in den USA, keine zentrale Organisation). (FactCheck.org, Bundesamt für Verfassungsschutz)
A. Warum passiert das nicht – trotz eindeutiger Faktenlage?
Medienlogik: Negativität + Spektakel schlagen Kontext; Protestbilder sind „billiger“ zu produzieren als Recherche zu Netzwerken. (Protest‑Paradigm & Negativity Bias.) (Vrije Universiteit Amsterdam, PMC)
Indexing: Viele Redaktionen spiegeln elitengetriebene Konfliktlinien. Wenn Regierungs-/Oppositionsakteure „Antifa“ skandalisieren, wird das zuerst groß – rechte Netzwerke brauchen mehr Recherche, haben weniger PR‑Anknüpfung. (Stanford University)
Normalisierung rechter Frames: Law‑&‑Order verkauft sich, verschiebt die Mitte und führt zu selektiver Aufmerksamkeit. (Issue Ownership.) (PMC)
B. Warum benennen linke Parteien und auch Medien in Österreich rechte Straftaten nicht im selben Ausmaß?
Strategische Vorsicht: Dauerfeuer gegen rechte Gewalt riskiert „Skandalisierung über Skandalisierung“ – schnell heißt es, man „politisierte Kriminalität“.
Sichtbarkeit vs. Strukturen: Linke Proteste erzeugen sichtbare Ereignisse (Demo/Clash), rechte Gewalt zeigt sich zerstreut (Online-Propaganda, Sachbeschädigungen, Wiederbetätigung) und bedarf investigativer Arbeit. DSN-Zahlen zeigen diese Strukturlage. (dsn.gv.at)
Eliten-Taktik: Wenn bürgerlich-konservative Player Hufeisen-Frames reproduzieren, preisen Medien (Indexing) oft „Balance“ – und unterschätzen Asymmetrien der Bedrohung. (bpb.de, Stanford University)
10) Fazit: Warum diese Korrektur wichtig ist
Die härtere Realität liegt im Zahlenmaterial der Sicherheitsbehörden: mehr und schwerere Tathandlungen im rechtsextremen Spektrum, stärkere Vernetzung und Rekrutierung – flankiert von einem Höchststand antisemitischer Vorfälle. Die Dauerdämonisierung einer nicht-organisierten „Antifa“ verdeckt diese Risiken – und das nützt politischen Akteuren, die von Law‑&‑Order-Framing leben. Wer Demokratie schützen will, muss präzise sprechen, kontextreich berichten und Asymmetrien offen benennen. (dsn.gv.at, antisemitismus-meldestelle.at)
Anhang: Quellen-Hinweise (Auswahl)
Österreich – Verfassungsschutzbericht 2024 (DSN): zentrale Zahlen zu Rechtsextremismus und Linksextremismus (inkl. Deliktprofile, Hausdurchsuchungen, Festnahmen). (dsn.gv.at)
Deutschland – PMK 2024 (BKA): Kontextvergleich (stark erhöhte rechtsmotivierte Delikte, Online-Anteil). (bka.de)
Antifa-Definition (BfV): kein zentraler Verband, lokale und lose Strukturen. (Bundesamt für Verfassungsschutz)
Antisemitismus in Österreich 2024 (IKG/IKG‑Meldestelle, BMI‑Magazin): 1.520 Vorfälle, +32,5 %. (antisemitismus-meldestelle.at, Bundesministerium für Inneres)
Protest‑Paradigm & Negativity Bias: Medienlogik, Frames und Sharing-Effekte. (Vrije Universiteit Amsterdam, ijoc.org, PMC, Nature)
Indexing / Issue Ownership: Elitenorientierung der Berichterstattung, Law‑&‑Order‑Ownership der Rechten. (Stanford University, PMC)

